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Angedacht

Der Oktober gibt uns gleich zum Beginn einen Grund zum Feiern.
Im Oktober feiern wir das Erntedankfest. 
In unseren Kirchen zeigen wir dann in der Regel, für was wir beispielhaft Danke sagen: 
Äpfel und Birnen, Brot und Gemüse, vielleicht Kartoffeln, Trauben oder Kürbisse.
Ganz viele Dinge, die gewachsen sind.
Die Menschen geerntet haben. 
Als Beispiel dafür, was wir alles zum Leben brauchen. 
Da gibt es noch viel mehr.
 
Was wird uns geschenkt?
Jesus erzählt dazu eine Geschichte. 
 
Lk 12,13-21 
13 Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile.
14 Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?
15 Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.
16 Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen.
17 Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle.
18 Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte
19 und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!
20 Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?
21 So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.
 

Aus der Schule kennen das die eine oder der andere vielleicht noch:
Vor einer Textinterpretation zunächst alle Schlüsselwörter, alle Begriffe, die einem beim ersten Lesen ins Auge springen, anstreichen: 
Als Aufzählung meiner Schlüsselwörter liest sich die Geschichte dann so:
 
Bruder - Erbe - teilen - Habgier - Früchte - sammeln - Vorrat - Narr – Schätze – sammeln – reich - Gott
 
Jetzt könnte man Text beinahe wie ein dreistrophiges Gedicht lesen, mit einer in sich angelegten Steigerung auf das jeweils letzte Wort hin:
 
Bruder 
Erbe
teilen
Habgier
 
Früchte 
sammeln
Vorrat
Narr
 
Schätze 
sammeln
reich
Gott
 
Bruder – Erbe – teilen - Habgier
Die Geschichte beginnt eigentlich mit einem Streit.
Da kommt ein Mann zu Jesus und sagt:
„Jesus, sag meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teilen soll!“
Offenbar gab es da Ärger. 
Einer erbt, der andere geht leer aus. 
Einer bekommt, was den Eltern gehörte, der andere bekommt nichts. 
Oder deutlich weniger. 
Er denkt aber, dass ihm mehr zusteht. 
Das führt unweigerlich zu Streit. 
 
Diese Streitsituationen gibt es immer wieder. 
Nicht nur unter Geschwistern. 
„Der hat mehr als ich!“
„Das ist meins!“
„Das gebe ich nicht her.“
„Ich war zuerst dran!“
„Warum bekommen die mehr?“
Manchmal geht es um ein Stück Kuchen. 
Manchmal um ein Spielzeug. 
Und bei Erwachsenen geht es vielleicht tatsächlich um ein Erbe.
Besitz teilen fällt schwer.
Niemand will zu kurz kommen.
 
Jesus sagt nicht: Besitz ist schlecht.
Aber er warnt davor, dass etwas mit uns passieren kann, 
wenn wir nur noch darauf schauen, was wir bekommen.
Und dafür gibt es ein schwieriges Wort:
Habgier
Habgier bedeutet:
Ich habe etwas – aber es ist nie genug.
Ich habe zwei – aber ich möchte drei.
Ich habe zehn – aber der andere hat elf.
Also möchte ich zwölf.
Und irgendwann freue ich mich gar nicht mehr über das, was ich habe. 
Ich schaue nur noch darauf, was mir noch fehlt.
 
Darum erzählt Jesus eine Geschichte:
 
Früchte – sammeln – Vorrat – Narr
Ein Bauer hat eine riesige Ernte.
Seine Felder tragen unglaublich viele Früchte.
Und der Bauer beginnt zu sammeln und Vorräte anzulegen.
Eigentlich ist das ja vernünftig. 
Natürlich muss ein Bauer seine Ernte einbringen. 
Natürlich brauchen wir Vorräte.
Auch wir haben zu Hause einen Kühlschrank. 
Vielleicht einen Gefrierschrank. Einen Vorratsschrank.
Das Problem ist also nicht, dass der Bauer vorsorgt.
Das Problem ist etwas anderes.
Er schaut auf all das, was gewachsen ist, und denkt nur noch:
Mein Getreide.
Meine Scheunen.
Meine Vorräte.
Mein Besitz.
Meine Zukunft.
 
„Mein Haus, mein Auto, mein Boot“, wie es einmal eine Werbung formulierte.
Der Bauer in der Geschichte vergisst, dass er es gar nicht alleine in der Hand hat, ob er eine gute Ernte hatte. 
Wind, Regen, Sonne können eine Ernte gut ausfallen lassen oder schlecht. 
Zu viel oder zu wenig beeinflussen seine Ernte.
Und er vergisst, dass seine Ernte auch anderen zugutekommen sollte. 
Leben miteinander gelingt, wenn jeder und jede seine, ihre Talente dafür einsetzt, 
dass alle was davon haben. 
Der Bauer baut an und mästet, der Bäcker backt das Brot, der Metzger macht Wurst und andere verarbeiten das Gemüse zu leckeren Bratlingen. 
 
Dieses Selbstverständnis kommt in seiner Geschichte gar nicht vor. 
Und auch Gott kommt in seinen Gedanken nicht vor.
Nur noch: Ich und meins.
Da sagt Gott ein ziemlich hartes Wort zu ihm:
Narr!
„Du Narr!“
Ein Narr ist in der Bibel nicht einfach jemand, der ein bisschen dumm ist.
Ein Narr ist jemand, der etwas ganz Wichtiges nicht verstanden hat.
Der Bauer hat nämlich vergessen:
Du kannst riesige Scheunen besitzen – und trotzdem arm sein.
Du kannst ein volles Konto haben – und trotzdem niemanden haben, 
der dich in den Arm nimmt.
Du kannst hundert Dinge besitzen – und trotzdem unglücklich sein.
Und vor allem:
Du kannst dein Leben nicht in einer Scheune aufbewahren.
Du kannst es nicht sammeln.
Du kannst es nicht festhalten.
Leben ist ein Geschenk.
 
Gott sagt zu einem Menschen nicht:
„Zeig mir erst einmal, was du besitzt.“
Gott fragt nicht:
„Wie viel hast du gesammelt?“
Er fragt auch nicht:
„Was kannst du schon alles?“
Und Gott sagt schon gar nicht:
„Erst wenn du genug geleistet hast, dann bist du für mich was wert.“
Gott schenkt zuerst.
Er sagt:
Du gehörst zu mir.
Ich kenne dich.
Ich gehe mit dir.
Ich lasse dich nicht allein.
Und das gilt für das ganze Leben.
 
Am Erntedankfest dürfen wir auch danken für das, das wir nicht sammeln, kaufen oder verdienen können:
Gottes Liebe begleitet dich. Umsonst.
 
Schätze – sammeln – reich – Gott
Am Ende seiner Geschichte spricht Jesus noch einmal vom Sammeln.
Aber diesmal geht es um andere Schätze.
Jesus sagt sinngemäß:
Es gibt Menschen, die sammeln Schätze für sich selbst – aber sie sind nicht reich bei Gott.
Reich bei Gott bin ich, wenn ich teilen kann.
Reich bei Gott bin ich, wenn ich Danke sagen kann.
Reich bei Gott bin ich, wenn ich merke: 
Nicht alles, was ich habe, habe ich mir selbst gemacht.
 
Reich bei Gott bin ich, wenn ich einen anderen Menschen tröste.
Wenn ich mich mit Fremden vertrage. 
Wenn ich jemanden nicht auslache.
Wenn ich einem anderen etwas gönne.
Wenn ich Brot teile.
Wenn ich Zeit verschenke.
Wenn ich Hass widerspreche.
Wenn ich einen zugewandten Blick auf Notleidende habe.
 
Das sind merkwürdige Schätze.
Denn bei diesen Schätzen passiert etwas Besonderes:
Wenn wir sie teilen, werden sie nicht weniger.
Liebe wird mehr, wenn wir sie teilen.
Freundschaft wird mehr, wenn wir sie teilen.
Toleranz wird wachsen, wenn wir Toleranz verbreiten und teilen.
Freude wird mehr, wenn wir sie teilen.
Und manchmal wird sogar aus einem Brot, das wir teilen, etwas Größeres: 
Gemeinschaft.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft von Erntedank:
Schau nicht so sehr darauf, was dir fehlt.
 
Schau einmal darauf, was dir geschenkt ist.
Und was du schenken kannst. 
 
Das Wichtigste im Leben ist Geschenk.
Jedes Leben ist ein Geschenk. Für uns.
Die Geschichte von Jesus  ist ein Geschenk für uns alle. 
In drei kurzen Sätzen: 
 
Du musst nicht alles haben.
Du darfst dankbar sein für das, was dir geschenkt ist.
Und du wirst reich, wenn du teilst.
 

Amen.
 
 
Superintendent Pfarrer Jens Sannig
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihre Ansprechperson „Angedacht“

Johannes de Kleine
presse.juelich@ekir.de

 

Angedacht im Oktober

Jens Sannig
 

Angedacht Archiv (PDF)

Angedacht September 2026
Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch! (1 Petrus 4,7)
Vorsorge ist das Thema unserer Tage. 
Was ist vernünftig, und was schon nicht mehr? 
 

Angedacht August 2026
Steh auf und iss! (1. Könige 19,7)
Gott stärkt uns für unseren Weg

Angedacht Juli 2026
Warum Christenmenschen auf Seiten der Flüchtlinge stehen (müssen)
„Denkt an die Gefangenen als wärt ihr mitgefangen, denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib. Leib.“ (Hebräer)

Angedacht Juni 2026
Pfingsten, Gottes Geist, Begeisterung erleben wir im Alltag der Welt.
Kirchlicher Unterricht ganz persönlich

Angedacht Mai 2026
Wirklich wichtige Schätze im Leben
Andacht für die Mitarbeitenden im Evangelischen Verwaltungsamt Jülich am 11. März 2026 zu Matthäus 13, 44 – 46

Angedacht April 2026
„Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt hat.“ (Ex 20,2)
Jesus feiert das Pessachmahl in Erinnerung an die Befreiung seines Volkes – Ostern ist das Fest der Befreiung

Angedacht März 2026
Da weinte Jesus. (Joh 11, 35)
Zugegeben: Ein merkwürdiger Text für einen Monatsspruch. Für die Zeit bis zum Beginn der Karwoche.

Angedacht Februar 2026
Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21,5)
Offenbarung 21,5

Angedacht Januar 2026
Die Jahreslosung für das kommende Jahr: „Gott spricht: Siehe ich mache alles neu!“ 
Offenbarung 21,5

Angedacht Dezember 2025
Und der Engel sprach zu Ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.
Lukas 2,10

Angedacht November 2025
Gott sagt: Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken.
Ezechiel 34, 16

Angedacht Oktober 2025
Haltet dem HERRN, eurem Gott, die Treue, so wie ihr es bisher getan habt.
Josua 23,8

Angedacht September 2025
Die Flüchtlingszahlen in unserem Land gehen zurück. Trotzdem wird gegen Geflüchtete Stimmung gemacht. 

Angedacht August 2025
In der Welt des Waldes bin ich ein Geschöpf unter vielen. Eine Andacht zum Fachtag „Mixed Ecology Church“

Angedacht Juli 2025
Auf dem Weg in die Zukunft der Kirche: Gott ist schon längst am Werk.

Angedacht Juni 2025
"Mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf." 
(Apostelgeschichte 10,28)

Angedacht Mai 2025
"Zu dir rufe ich, Herr; denn Feuer hat das Gras der Steppe gefressen, die Flammen haben alle Bäume auf dem Feld verbrannt. Auch die Tiere auf dem Feld schreien lechzend zu dir; denn die Bäche sind vertrocknet."

Angedacht April 2025
„Brannte nicht unser Herz vor Begeisterung, als er unterwegs mit uns redete?“

Angedacht März 2025
Umweltbewusst leben macht Freude, auch wenn es manchmal anstrengend ist.

Angedacht Februar 2025
Denn es wird immer Arme geben im Land, darum gebiete ich dir: Du sollst deine Hand willig auftun für deinen bedürftigen und armen Bruder in deinem Land.

Angedacht Januar 2025
Predigt im Gottesdienst am 31. Dezember 2024 in der Friedenskirche Gangelt der Ev. Kirchengemeinde Gangelt-Selfkant-Waldfeucht

Angedacht Dezember 2024
Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir. Jesaja 60,1

Angedacht November 2024
Der Monat November beinhaltet Gedenktage, Tage der Erinnerung, scheinbar rückwärtsgewandte Tage

Angedacht Oktober 2024
Konventsbegegnung der Kirchenkreise Jülich und Jena bringt reiche Ernte ein

Angedacht September 2024
Jeder Mensch soll essen, trinken und glücklich sein. (Prediger 3,13)
Zwei Seiten der Medaille, zwei Seiten des alltäglichen Lebens. Beide Seiten kommen vor. Mal die eine mehr, mal weniger.

Angedacht August 2024
Kein Bild – das zweite Gebot.
Eine Predigt zu den Fragen 96 bis 98 des Heidelberger Katechismus

Angedacht Juli 2024
Macht euch die Erde untertan! (Gen 1,28)
Johannes de Kleine

Angedacht Juni 2024
Aber der Herr ist treu. Er wird euch Kraft geben.
Pfarrer Jens Sannig, Superintendent

Angedacht Mai 2024
… und vergib uns unsere Schuld! (Mt 6,12)
Johannes de Kleine

Angedacht April 2024
Aufstehen gegen das Unrecht
Pfarrerin Karin Heucher, Ev. Gemeinde zu Düren

Angedacht März 2024
Von der Schwierigkeit, sich etwas schenken zu lassen.
Gedanken zur Passionszeit, Johannes de Kleine

Angedacht Februar 2024
"Ja, die Welt ist dunkel. Nur ja die Ohren nicht hängen lassen!..." 
Johannes de Kleine

Angedacht Januar 2024
Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.
Predigt über 1 Kor 16,14 (Jahreslosung 2024), Johannes de Kleine
 

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