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Sexualisierte Gewalt auch in der Evangelischen Kirche

Das Ende eines Märchens und die Folgen für Betroffene

Ende Januar veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland den Abschlussbericht einer Studie zur sexualisierten Gewalt in der evangelischen Kirche und der Diakonie.

Gut 2000 erfasste und belegte Fälle aus den Jahren zwischen 1946 und 2020 und ein anzunehmendes Dunkelfeld (die Forscher*innen gehen von mindestens 9000 Fällen aus) machen deutlich: wir müssen aufhören, auf die katholische Kirche zu zeigen, wir haben genug mit uns selbst zu tun.
Das Märchen, sexualisierte Gewalt komme vor allem in der katholischen Kirche vor und vor allem sei der Zölibat Ursache für sexualisierte Gewalt, und wurde widerlegt. Und damit sind wir bei dem, was in unseren eigenen Reihen geschehen ist.   

Tatorte und Täter*innen
Pfarrhäuser, Jugendheime, Kindergärten/Kindertagesstätten und Kinderheime wurden zu Tatorten. Also ausgerechnet Orte, die wir mit den Begriffen Vertrauen, Geborgenheit und Sicherheit verbinden, verkehrten sich in ihr Gegenteil.
Pfarrer (wirklich zumeist männlich) nutzten das Vertrauensverhältnis der ihnen anvertrauten Menschen, gelegentlich auch der eigenen oder ihrer Pflegekinder, aus und überschritten alle Grenzen, die ihnen ihr Berufsethos, aber auch ihr christlicher Glaube eigentlich setzen sollten. Sie übten sexualisierte Gewalt aus in Worten und Taten.
Mitarbeitende in der Kinder- und Jugendarbeit, aber auch Kirchenmusiker handelten missbräuchlich an Kindern und Jugendlichen.
Kindergärten/Kindertagesstätten boten Täter*innen Gelegenheit, die schutzlosesten aller Wesen durch übergriffiges Verhalten zu schädigen.
Kinder und Jugendliche in Kinderheimen erfuhren sexualisierte Gewalt durch Betreuer*innen, Heimleiter*innen und durch Männer, an die sie durch die Heimleitung zu diesen Zwecken „ausgeliehen“ wurden.
Ferienfreizeiten und Freizeiten mit Konfirmand*innen boten Tätern Gelegenheit, Kinder und Jugendliche zu missbrauchen.
Anders als in anderen gesellschaftlichen Kontexten berichten 1/3 der Betroffenen von mehreren Tätern. Das ist einzigartig in der Gesellschaft.

Betroffene und ihre Erfahrungen mit kirchlichen Amtsträger*innen
Die erfahrene sexualisierte Gewalt blieb in vielen Fällen nicht das einzige Trauma für Betroffene. Viele machten die Erfahrung, dass ihre Meldung des Geschehenen, nein: des Erlittenen, auf Unglauben oder Missachtung stieß. Sie wurden als Lügner*innen bezeichnet. Sie und/oder ihre Familien wurden in der Gemeinde ausgegrenzt. Manche Familien wechselten aus diesen Gründen den Wohnort.
Wohlgemerkt: diese traumatischen Erfahrungen kamen zu den eigentlichen Tatfolgen hinzu: Wer sexualisierte Gewalt erfahren hat, ist für sein Leben geschädigt!
In Einzelfällen (!) trafen Betroffene auf Verständnis, wurde ihnen geglaubt. 

Täter*innen und Konsequenzen
Die Forscher*innen der Studie zur sexualisierten Gewalt kommen zu dem Ergebnis, dass die evangelische Kirche vor allem sich und ihre Amtsträger*innen und ihre Mitarbeiter*innen schützen wollte. Dass es also um den Erhalt eines positiven Bildes nach außen ging. Mit anderen Worten: Täter*innen waren wichtiger als Betroffene.
Letztere machten die Erfahrung, dass die Täter*innen eher selten wirklich einschneidende Bestrafungen zu erdulden hatten.
Manche wurden für eine Zeit aus ihrem Arbeitsbereich entfernt, konnten danach aber weiter arbeiten – auch mit der Altersgruppe, aus der ihre Opfer kamen. Manche wechselten die Gemeinde, ohne dass die neue Gemeinde erfuhr, warum beispielsweise der Pfarrer seine alte Wirkungsstätte verlassen hatte/verlassen musste. Die wenigsten wurden vom Staatsanwalt angeklagt und verurteilt. Auch deshalb, weil viele Betroffene oft erst nach vielen Jahren in der Lage waren, die Taten zu melden resp. anzuzeigen – dann aber war die Verjährung eingetreten.

Täter*innen, Mittäter*innen, Reue und Vergebung
Von den erfassten und angezeigten Täter*innen leugnete etwa ein Drittel rundweg die ihnen zur Last gelegten Taten. Ein weiteres Drittel bagatellisierte das, was es anderen Menschen angetan hatte. Lediglich ein Drittel bekannte sich zur verübten sexualisierten Gewalt und bereute die Taten(en). Viele Menschen in Gemeinden und Einrichtungen wussten, was geschah, haben aber den Mund gehalten, warum auch immer. So wurden sie gewissermaßen zu Mitttäter*innen.
Vielen Betroffenen wurde nach ihrer Meldung bei einer kirchlichen Stelle nachdrücklich empfohlen, dem Täter/der Täterin doch zu vergeben, das sei für alle Beteiligten das Beste. So äußerten sich auch Täter*innen gegenüber ihren Opfern. Hier wurde ein zusätzlicher Druck ausgeübt, wo die Betroffenen vor allem Entlastung und Hilfe gebraucht hätten.

Warum haben sie nicht „Nein!“ gesagt?
Viele Täter*innen haben zu den Betroffenen gezielt ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Sie haben ihnen Liebe vorgegaukelt. Sie haben die Macht ausgenutzt, die sie als Pfarrer hatten, auch wenn Macht in der evangelischen Kirche gerne mit dem Hinweis auf flache resp. fehlende Hierarchien bestritten wird. Sexualisierte Gewalt fand sogar eingebettet in kirchliche Rituale statt.
„Nein!“ zu sagen widersprach lange Jahre dem, was Kinder zu Hause gelernt hatten. Erwachsenen war widerspruchslos zu gehorchen. Tanten waren zu küssen, auch wenn das den Kindern höchst zuwider war. So geprägt fiel es Menschen dann auch als Jugendliche und Erwachsene schwer resp. war es ihnen unmöglich, sich gegen Übergriffe einer erwachsenen (Respekts-) Person zur Wehr zu setzen. Erst Recht waren Kinder und Jugendliche in Heimen der Gewalt und der sexualisierten Gewalt hilflos ausgesetzt, fehlte ihnen doch eine Ansprechperson außerhalb der Einrichtung, von der sie Hilfe hätten bekommen können.     

Was ist jetzt dran?
Die Evangelische Kirche im Rheinland hat seit einigen Jahren eine Meldestelle für Menschen eingerichtet, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind.
In den Kirchenkreisen und den Gemeinden gibt es inzwischen Schutzkonzepte, die sexualisierte Gewalt verhindern sollen. Alle, die im kirchlichen Bereich arbeiten und zum Beispiel mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen, sind verpflichtet, an einer entsprechenden Schulung zur Verhinderung sexualisierter Gewalt teilzunehmen. Der Kirchenkreis Jülich beruft ein Interventionsteam. Dieses ist Ansprechpartner in akuten Fällen von sexualisierter Gewalt und wird bei einer Meldung zeitnah aktiv.
Bundesweit gibt es Betroffenenbeiräte. Der künftige Weg in der evangelischen Kirche kann nur mit Betroffenen und nicht stellvertretend für sie gegangen werden.
Die vorliegende Studie, die alle Landeskirchen umfasst, wird jetzt durch Regionalstudien fortgeführt, die das entsprechende Geschehen in begrenzten Räumen untersuchen. In unserem Fall umfasst dieser Raum die Evangelische Kirche im Rheinland, die Evangelische Kirche von Westfalen, die Lippische Landeskirche und die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe.
Wir alle sind aufgerufen, genau hinzuschauen, damit Täter*innen keine Chance zum sexualisierten Missbrauch bekommen. Niemand darf künftig damit rechnen, mit sexualisierten Missbrauch davon zu kommen! Und vor allem: sexualisierte Gewalt ist nach Kräften zu verhindern!

Die Wirksamkeit der Studie (in dem Sinne: Werden weniger Übergriffe stattfinden...) wird auch davon abhängen, inwiefern Kirchengemeinden/kirchliche Einrichtungen bereit sind, ihren eigenen Umgang mit Machtstrukturen zu reflektieren. Denn der Umgang mit Macht im Kleinen stellt die Weichen dafür, dass sie dann im Großen missbraucht werden kann.

Informationen und Hilfe
Betroffene brauchen Hilfe, brauchen offene Ohren, damit sie gehört werden. Die Meldestelle der Evangelischen Kirche im Rheinland ist für Betroffene erreichbar unter der folgenden Mailadresse: meldestelle@ekir.de Nach Eingang der Meldung wird man darüber informiert, was mit der Meldung geschehen kann (Weiterleitung an die Gemeinde/die Einrichtung, in der die sexualisierte Gewalt geschehen ist, ggf. Anzeige bei der Staatsanwaltschaft usw.). Alle weiteren Schritte erfolgen nur nach Rücksprache mit der/dem Betroffenen!

Kontakt im Kirchenkreis Jülich
Fachstelle für spezialisierte Beratung bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche
Aachener Str. 13a
52428 Jülich
Telefon 02461/52655
erziehungsberatung@diakonie-juelich.de

Den vollständigen Abschlussbericht der Studie finden Sie  hier
Und eine  Zusammenfassung

© Johannes de Kleine, Kirchenkreis Jülich