Am 20. September ist Weltkindertag
»Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie. «
(Markus 10,13-16)
Die Szene ist bekannt: Mütter bringen Kinder zu Jesus, damit er sie »berührte«. Die Jünger sind über diese magischen Motive empört. Für sie haben Kinder bei Jesus nichts zu suchen. Doch sie müssen sich von Jesus sagen lassen: Das Reich Gottes ist für die Kinder da! Damit setzt sich Jesus souverän über die damals herrschende Vorstellung hinweg, nach der es sich bei der Kindheit erst um eine Vorstufe des Lebens handelt. In der antiken Gesellschaft gelten Kinder nicht viel. Sie werden herumgestoßen, sind lästig, solange sie nicht als Arbeitskraft taugen, sie sind oft unerwünscht. In der pharisäisch geprägten religiösen Leistungsgesellschaft werden sie nicht ernstgenommen, weil sie Vorschriften des Gesetzes noch nicht kennen und erfüllen können. Für Jesus aber gehören sie zu den »Armen«, denen das Reich Gottes gehört. Sie werden zum Vorbild einer neuen Gotteserkenntnis. An ihnen wird deutlich, was bei Gott gilt: Das Reich Gottes wird geschenkt. Man muss nur kommen, bitten und annehmen. Genau das tun die Kinder ganz spontan. Sie halten die Hände auf und finden es nicht peinlich. Sie sind aufs Annehmen und Sich-schenken-lassen angewiesen.
Was aber, wenn eine Gesellschaft ihnen genau das verweigert? Das Geschenk des Lebens ohne Bedingungen. Ohne das berühmte Danke-Sagen an der Wursttheke für die Scheibe Wurst.
Die Erkenntnis, dass Kinder einen eigenen Wert in der Gesellschaft haben, ist noch nicht alt. Erst die bürgerliche Gesellschaft um die Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert kann es sich leisten, in Kindern einen Wert an sich zu entdecken. Bis Ende des 19. Jahrhunderts dienen Kinder als Arbeitskräfte, für die kleine Kinderfinger besonders gefragt sind. In der Nadel- und Textilindustrie bei uns im Aachener Revier war es üblich, dass vier bis zehnjährige Kinder in den Fabriken arbeiten. Manche Industriehalle voll mit Spinn-und Webmaschienen war gerade mal so hoch, dass Kinder in ihnen aufrecht laufen konnten. Erst mit wachsendem Wohlstand konnten es sich die Eltern erlauben, dass Kinder als Kinder zuhause umsorgt und erzogen wurden.
Heute sind aber wieder besonders Kinder die Leidtragenden weltweit zunehmender Ungerechtigkeit und Armut. Kinderarbeit ist in den Ländern Lateinamerikas, Asiens, Afrikas die einzige Möglichkeit für die Familien zu überleben. In den Granitstein-brüchen Indiens, auf den Kakaoplantagen Afrikas, in den Nähereien in China werden Kinder ausgebeutet, um unseren Wohlstand zu mehren. Kindersoldaten werden in Afrika gezwungen, auf Menschen zu schießen und zu töten. Kinder prostituieren sich in den beliebtesten Urlaubszielen der Europäer und Amerikaner für ein paar Cent.
81 Millionen Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahre sind weltweit ohne Arbeit. Laut eines Berichts der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), einer UN-Sonderorganisation, hat die Arbeitslosigkeit junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren den höchsten bislang gemessenen Stand erreicht. Es droht eine verlorene Generation junger Menschen, die ohne Perspektiven für die Zukunft ein abgehängtes Leben in Armut, ohne Würde und Selbstbestimmung führen werden.
»Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes«. Das Reich Gottes aber verspricht, dass alle Menschen Anteil an der Fülle de Lebens haben. Das Reich Gottes kennt nach dem Gleichnis des Weinberg-besitzers einen gerechten Lohn für alle. Im Reich Gottes sind die Grenzen zwischen arm und reich, zwischen drinnen und draußen, zwischen erwünscht und unerwünscht überwunden.
Aber es gibt diese Grenzen. Nach wie vor.
1 Milliarde Menschen, meistens Frauen und Kinder, leiden Hunger und Durst.
Auch bei uns in Deutschland ist jedes 4. Kind arm. Arm an Kleidung, an Nahrung, arm an Gesundheit und Bildung. Kindern aus Hartz IV Familien stehen zwischen 215 und 245 Euro im Monat zu. 2,80 € werden dabei für Essen und Trinken pro Tag berücksichtigt. Je 1,11 € für Abendessen und Mittagessen am Tag. 0,62 € für ein Frühstück.
Das ist die Realität für Millionen von Kindern in Deutschland. Und wir wehren uns nicht dagegen. Sondern wir wehren uns gegen diese Kinder.
Vor Jahren hätten wir noch gesagt, Gott sei Dank leben wir nicht in einer Gesellschaft, in der das Leben von Kindern so sehr bedroht ist durch Kinderarbeit, Prostitution, Krieg und Hunger wie in weiten Teilen dieser Erde.
Zu mindestens heute können wir das nicht mehr sagen.
Das Leben von Kindern ist bei uns bedroht.
Bedroht an Leib und Seele. Durch Missbrauch Erwachsener, denen Kinder bedingungslos vertrauen. Durch Armut, die Kinder am schwersten trifft, weil sie völlig hilflos dem Hunger, der sozialen Ausgrenzung ausgesetzt sind. Durch Perspektivlosigkeit, weil ihnen alle Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben schon früh genommen werden. Schon im Kindergartenalter entscheidet sich in unserer Gesellschaft die Zukunft eines Menschen.
Was ist das für eine Gesellschaft, die bei den wenigen Kindern, die sie hat, nicht kinderfreundlich sein kann?
Was ist das für eine Gesellschaft, in der sich Männer und Frauen aus Gründen der Zukunftsangst nicht mehr trauen, Kinder zu haben?
Was ist das für eine Gesellschaft, in der Armut nicht mehr nur ein Altersphänomen, sondern schon ein Kinderphänomen geworden ist?
Was ist das für eine Gesellschaft, die sich in Selbstmitleid, Misslaunigkeit, Depression und Resignation verzehrt, obwohl diese Gesellschaft, von außen betrachtet, aus der Sicht fast aller Länder und Kontinente der Erde, als die vermutlich stabilste, wohlhabendste, sicherste angesehen wird? Traum für Millionen vom Menschen?
Soviel jedenfalls kann man wohl sagen: aus der Sicht und den Augen von Jesus ist es eine sehr arme Welt.
In diesem Monat, am 20. September, ist Weltkindertag. Er will unsere Aufmerksamkeit auf die Rechte von Kindern führen. Der Kindertag geht zurück auf die Weltkonferenz für das Wohlergehen der Kinder im August 1925, zu welcher 54 Vertreter verschiedener Staaten zusammenkamen und die Genfer Erklärung zum Schutze der Kinder verabschiedeten. Damit sollte ein weltweites Zeichen für Kinderrechte gesetzt werden.
Jesus gibt uns für diesen Tag den Ratschlag mit auf den Weg, diese Welt wieder gerade zu rücken.
Wir sollen sie betrachten mit den Augen von Kindern.
Wir sollen sie gestalten, nach den Bedürfnissen von Kindern.
Wir sollen sie erhalten für die Zukunft unserer Kinder, die schon jetzt unsere Gegenwart sind.
»Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie«!
In diesem kurzen und knappen und doch so eindrücklich geschilderten Gegensatz drückt Markus hier die ganze Weite und Bedeutung dieser Geschichte für unseren Umgang mit unseren Kindern aus. Alle Nähe und Wärme Jesu, alle uneingeschränkte Herzlichkeit und Anteilnahme, alle seine Aufrichtigkeit und Sensibilität kommen hier in nur wenigen Gesten zusammen. Wem eine solche Begegnung Gottes widerfahren ist, der kann frei und unbeschwert aufwachsen, weil er sich an und ernstgenommen fühlen darf.
Kindern eine solche Begegnung mit Gottes Wirklichkeit zu ermöglichen ist und bleibt eine große Herausforderung für die Gesellschaft aber auf jeden Fall für uns als Kirche. Sie muss sich als erste betroffene Instanz selbstkritisch prüfen, ob in ihr Kinder vorkommen und ob in ihr Kinder vorkommen können.
Den Jüngern aus der Geschichte wird Jesus ihre Welt auf den Kopf gestellt haben.
Stellen wir für unsere Kinder die Welt auf den Kopf.
Wer sich für die Kinder entscheidet, wählt eine neue Welt. Wählt die Ärmsten und Kleinsten und die Entrechteten und die Beschädigten. Er wählt eine andere Gesellschaft und eine neue Kirche.
Aber haben wir eigentlich eine andere Wahl?
Ihr Superintendent
Pfarrer Jens Sannig